Viele Pflegeeinrichtungen haben kaum freie Plätze

Viele Pflegeeinrichtungen haben kaum freie Plätze

Wir möchten zum Wochenstart auf einen interessanten Artikel von der "Welt" aufmerksam machen. Sehr oft wird uns die Frage gestellt, ob es nicht allmählich schon ausreichend Pflegeeinrichtungen in Deutschland gibt und es nicht bald eine Schwemme an leerstehenden Objekten gibt. Wir verneinen dies immer sehr entschieden und versuchen die Hintergründe / Auswirkungen zum demographischen Wandel zu erläutern. Dieser Artikel ist in diesem Zusammenhang aktueller denn je:

Viele Pflegeeinrichtungen haben kaum freie Plätze

Wie viele Pflegeheime Maria Strobel* im vergangenen Sommer angerufen hat, weiß sie nicht mehr. Über zehn Einrichtungen aber waren es sicher. „Am Telefon hat mir jeder nur gesagt, wie lang die Warteliste ist“, erinnert sich Strobel. Für ihren 85-jährigen Vater, der nach einem Sturz nicht mehr allein wohnen konnte, brauchte sie dringend einen Langzeitpflegeplatz. Doch es war nichts frei. Sie kam auf die Warteliste von fünf Heimen – zum Teil bis zu einer Stunde von ihrer Heimat in Waiblingen bei Stuttgart entfernt.

Sechs Monate dauerte die Wartezeit. „Mir ging es einfach nur schlecht“, schildert die 60-jährige Tochter. „Es war sehr kräftezehrend, meinen Vater zu pflegen und gleichzeitig an der Pflegeplatzsuche dranzubleiben.“

Wie Maria Strobel haben viele Angehörige von Pflegebedürftigen akute Probleme, schnell einen Heimplatz zu finden. Im „Pflege-Thermometer“ von 2018, einer bundesweiten Umfrage unter Heimleitern, gaben rund 71 Prozent der Befragten an, Wartelisten für stationäre Langzeitpflegeplätze zu führen. 22Prozent der Heimleiter gaben an, dass es in ihrem Haus zeitweise Aufnahmestopps gegeben hat. Eine Studie der Evangelischen Bank bestätigt die Zahlen für den vergangenen Winter.
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Ein stationärer Heimplatz wird in der Regel erst dann frei, wenn ein Bewohner stirbt. Wie lange die durchschnittliche Wartezeit beträgt, ist nicht bekannt. Ebenso wenig gibt es Zahlen darüber, wie viele Plätze in der Kurzzeitpflege in den Einrichtungen fehlen.

Zu Absagen haben auch Gesetzesänderungen in einzelnen Bundesländern geführt, in deren Folge aus Doppelzimmern Einzelzimmer werden mussten. So darf es in Heimen in Baden-Württemberg nach der Landesheimbauverordnung ab September nur noch Einzelzimmer geben.

In Nordrhein-Westfalen gilt seit August 2018 eine Einzelzimmerquote von 80 Prozent. NRW bietet, um den Mangel an Plätzen in der Kurzzeitpflege zu entschärfen, eine Alternative an: Neben Pflegeheimen dürfen dort künftig auch Krankenhäuser Pflegebedürftige für kurze Zeit – wie etwa nach einem Krankenhausaufenthalt – bei sich aufnehmen.

Eine Lösung auf lange Sicht ist das nicht: Die Zahl der Menschen, die in Pflegeheimen wohnen, steigt. Lebten im Jahr 1999 noch knapp 555.000 Menschen in stationären Pflegeheimen, waren es 2015 fast 760.000 Personen. Die Zahl der Pflegebedürftigen in der Kurzzeitpflege hat sich in dem Zeitraum sogar fast verdreifacht.

Die Nachfrage ist deutlich größer als das Angebot, bestätigt Gesundheitsökonom Boris Augurzky vom RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Um den Mangel an Plätzen kurzfristig zu entschärfen, plädiert er dafür, mehr Pflegeheime zu bauen und verstärkt Pflegefachkräfte auszubilden.

An Personal fehlt es schon jetzt: Laut dem Pflege-Report der AOK von 2019 klafft eine große Lücke zwischen der Zahl der benötigten Pflegekräfte und dem tatsächlich vorhandenen Personal. Bis 2030 werden demnach allein aufgrund der Alterung der Bevölkerung zusätzlich rund 130.000 Pflegekräfte in der Langzeitpflege gebraucht. Fehlt es in den Pflegeheimen am nötigen Personal, können selbst verfügbare Plätze nicht mehr vergeben werden. Also kommt es zu einem Aufnahmestopp. Der Vater von Maria Strobel lebt inzwischen seit vier Monaten im Seniorenzentrum Haus Miriam, 800 Meter vom Haus seiner Tochter entfernt. „Ich habe gar nicht mehr überlegt. Ich war einfach nur erleichtert, dass ich endlich entlastet werde“, erinnert sie sich an den Anruf des Heimes.

Einen anderen Bewerber hätte Einrichtungsleiter Thomas Sixt-Rummel sicher schnell gefunden. Es komme vor, dass innerhalb von zwei Stunden vier Menschen anriefen, die dringend einen Pflegeplatz suchten. Ihm bleibe dann nichts anders übrig, als abzusagen und auf die Warteliste zu verweisen. „Wir beraten schon nicht mehr jeden ausführlich. Den Menschen ist eher gedient, wenn sie schnellstmöglich das nächste Heim anrufen können.“

 

Quelle: Welt Artikel "Viele Einrichtungen haben kaum freie Plätze"

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